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Rahmenkonzept Jungenarbeit in der Stadt Bielefeld
Inhalt: 1. Ausgangssituation
Der Landesjugendplan legt in seinen Fördergrundsätzen fest, dass "geschlechtsspezifische Ansätze als Querschnittaufgabe zu berücksichtigen sind", also nicht lediglich als zusätzliche, womöglich freiwillige Anhängsel geschlechtsneutraler Pädagogik zu sehen sind (LJP, S. 21 f.). Im Sinne der Richtlinien zum Landesjugendplan soll es das Ziel sein "Jungen und junge Männer für einen partnerschaftlichen Umgang (zu) sensibilisieren, ihnen die Auseinandersetzung mit ihrer Rolle (zu) ermöglichen und Jungen und junge Männer dazu (zu) befähigen Konflikte gewaltfrei zu lösen." (Richtlinien LJPL VII / 1)
Besonders in der frühen Sozialisation stehen Jungen nach wie vor kaum männliche Erwachsene zur Seite, die sie auf ihrem Entwicklungsweg begleiten. Plakative männliche Leitbilder werden Jungen zwar umfassend und vielfältig angeboten, finden sich in ihrem Alltag allerdings nicht wieder - sind nicht greifbar oder erfahrbar. Auch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen (wie z. B. der Wandel innerhalb traditioneller Rollenmuster, die "Vaterlose Gesellschaft", neue berufliche Anforderungen...) tragen zur Unsicherheit und Orientierungslosigkeit der Jungen bei. In Ihrem Bemühen den angepriesenen Rollen gerecht zu werden, sehen sich Jungen überfordert und geraten in soziale Konfliktsituationen.
Im Bereich der komunalen Jugendhilfe der Stadt Bielefeld spielt der Bereich der Jungenarbeit zur Zeit eine untergeordnete Rolle.
In der Praxis der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Schulsozialarbeit und der Jugendverbandsarbeit in der Stadt Bielefeld gibt es jedoch Ansätze von Jungenarbeit, von einer grundsätzlichen Berücksichtigung als Querschnittaufgabe kann allerdings noch keine Rede sein.
Das vorliegende Rahmenkonzept wurde vom "Bielefelder Forum Jungenarbeit" * erarbeitet und soll als Orientierungsrahmen dienen, um Jungenarbeit vor Ort weiter zu entwickeln und zu qualifizieren. Es soll anregen und Mut machen, sich auf den Weg zu begeben. * Das Bielefelder Forum Jungenarbeit besteht seit 1992 und setzt sich aus pädagogischen Fachkräften aus der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Schulsozialarbeit, der Jugendverbandsarbeit und Lehrern zusammen. 2. Selbstverständnis der Jungenarbeit
Die Aufgabe von Jungenarbeit ist es hierbei, durch geeignete Maßnahmen und Angebote die Entwicklung junger Menschen auf ihrem Weg zum Erwachsensein zu fördern. Da die Sozialisation, Geschlechtsrollenanforderungen und Lebensperspektiven von Jungen und Mädchen unterschiedliche sind, muss die Förderung der Entwicklung von Jungen und Mädchen ebenso unterschiedlich sein.
Die Geschlechterrolle als zentrale Kategorie Die Unterschiedlichkeit von Geschlechterrollen (-anforderungen) ist hierbei nicht wertneutral: Ein zentrales Merkmal ist die ungleiche Verteilung gesellschaftlicher Macht. Jungenarbeit muss eine Reflexion vorgeprägter Rollen- und Machtverteilung anregen. Das Interesse von Jungen und Mädchen an einer Veränderung tradierter Geschlechterrollen ist häufig nicht besonders ausgeprägt, da die Jungen/Männer von der Rollenaufteilung zwischen Mann und Frau scheinbar nur profitieren. Der "Preis", den sie für ihre Rolle zahlen, ist für sie oft nicht unmittelbar ersichtlich. Denn den Jungen erscheint es notwendig, um als "Mann" im Wettbewerb des täglichen "Da-seins" bestehen zu können, Gefühle zu unterdrücken, ein gewisses Gewaltpotential zu demonstrieren und dieses ggf. einzusetzen, auch wenn sie hierdurch nicht selten Sanktionen ausgesetzt sind.
Jungen haben das Problem, keine Probleme haben zu dürfen Hier werden Jungenarbeiter gebraucht, welche empathisch und bisweilen auch kritisch, streitbare Wegbegleiter der Jungen darstellen und auch als männliche Orientierungsfiguren dienen können, die den Jungen häufig im Alltag fehlen.
3. Ziele
*("Sorgeselbständigkeit" vgl. Sturzenhecker in: Ideen und Konzepte - Methoden der Jungenarbeit. Münster, 1998)
4. Methoden und RahmenbedingungenGeschlechtsbewusste Reflexion des Alltags Eine systematische Reflexion der Arbeit ist Grundvoraussetzung methodischen Handelns und Basis für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendarbeit. Grundvoraussetzung von geschlechtsbewusstem Handeln ist wiederum eine Reflexion der erlebten Alltagsabläufe und des eigenen Handelns unter geschlechtsdifferenziertem Blickwinkel .
Jungenarbeit in geschlechtshomogenen Gruppen Jungenarbeit nur unter Jungen/Männern (im Rahmen von Jugengruppen, Jungenwochenenden, spezifischer Angebote nur für Jungen etc.) kann für die Jungen entlastend sein. Die Abwesenheit von Mädchen/Frauen bietet einen "Schonraum" und fördert die Solidarität unter den Jungen, wenn sie ungewohnte Rollen und Handlungsformen "ausprobieren" und sich dadurch erst mal auf unsicheres Terrain begeben. Außerdem entfällt das Profilierungsbedürfnis der Jungen gegenüber den Mädchen. Die Abwesenheit von Mädchen/Frauen bedeutet jedoch nicht schon per se Jungenarbeit: erst wenn eine Reflexion männlicher Geschlechtsrollen(-anforderungen) einbezogen wird, verdient diese Pädagogik die Bezeichnung 'Jungenarbeit'.
Jungenarbeit in der Koedukation Der überwiegende Anteil an Jungenarbeit vollzieht sich in der Koedukation. Auch und gerade hier ist Jungenarbeit ein Bestandteil geschlechtsbewusster Jugendarbeit, hier muss Jungenarbeit als Blickwinkel, als Haltung sichtbar werden. Einen zentralen Aspekt gerade im Rahmen Offener Jugendarbeit bilden die Auseinandersetzungen mit Jungen um Grenzen: Grenzverletzungen, Übergriffe, sexualisierte Gewalt gehören zum Alltag Offener Jugendarbeit. Jungenarbeiter müssen hier Position beziehen vor dem Hintergrund des eigenen Werteverständnisses von Männlichkeit. Jungenarbeiter können sich nicht auf formale, abstrakte Werte zurückziehen, sondern müssen sich den Auseinandersetzungen mit den Jungen um Grenzen stellen. Die Vermittlung von Grenzen ist für die Jungen nicht nur einschränkend ("Ich darf hier nicht wie Arnold Schwarzenegger den Raum dominieren"), sondern auch entlastend ("Ich muss hier gar nicht...") und bieten somit auch einen Schutz und eine Möglichkeit sich zu öffnen. In der Koedukation hat Jungenarbeit u. a. "Dolmetscherfunktion": wenn auch Verständnis für die jeweils unterschiedlichen Welten von Jungen und Mädchen oft nur schwer zu erreichen ist, so ist es doch unablässig, für Verständigung* zwischen Jungen und Mädchen (z. B. über Umgangsformen) zu sorgen.
Auch Jungen brauchen Beratung - auch und gerade von Männern. Beratung im Kontext Offener Jugendarbeit ist freiwillig, erfordert ein "Veränderungsinteresse" der Jungen. Jungenarbeiter brauchen dazu die Beratungskompetenz aber auch die Bereitschaft zu beraten, zu trösten... Erforderlich ist darüber hinaus das Schaffen von Arrangements zur Beratung, von "Beratungsgelegenheiten", ein wacher Blick für potentielle Beratungssituationen, die speziell Jungen nutzen (Billardtisch, Theke...).
Experimentierfreude Jungenarbeit ist keine Methode, die schnell erlernt werden kann. Jungenarbeit ist auch mehr als die Summe der angewandten Methoden. Jungenarbeit ist eine Haltung, eine Sichtweise. Das "Erproben" von allgemeinen pädagogischen Methoden (Methoden der Gruppenarbeit, Medienpädagogik, New Games, Rollenspiele, Abenteuer- und Erlebnispädagogik...) unter der Perspektive "was brauchen Jungen?" erfordert Geduld und eine fragende, suchende Haltung.
Kooperation/Abstimmung mit der Mädchenarbeit Eine Abstimmung zwischen Mädchen- und Jungenarbeit ist erforderlich. Hier sind eigene Ansätze und gegenseitige Erwartungen vorhanden. Diese Erwartungen können/sollten nicht einfach übernommen/erfüllt werden. Jungenarbeit hat ebenso wie Mädchenarbeit ein eigenes Selbstverständnis. Aber eine Verständigung über die unterschiedlichen Erwartungen sollte hergestellt werden (ggf. im Rahmen von Teamsupervision), um zu einer Gesamtkonzeption geschlechtsbewusster Arbeit der Einrichtung zu gelangen.
Konzeptionelle Verankerung in der Einrichtung Die Weiterentwicklung der Handlungskonzeptionen (Zielentwicklung, Umsetzung in Maßnahmen, Bedarfsfortschreibung, ...) muss geschlechtsdifferenziert erfolgen. Es sollt nicht mehr die Rede von 'Jugendlichen' sein - es sind entweder 'Jungen' oder 'Mädchen' mit ihren Wünschen, in den Angeboten des Hauses usw. (Auch innerhalb der Kategorie 'Geschlecht' gibt es natürlich noch Individuen - ebenso wenig wie es nicht "die" Jugendlichen gibt, gibt es nicht "die" Jungen oder "die" Mädchen.) *vgl. Burckhard Müller in: Deinert/Sturzenhecker, "Handbuch Offener Jugendarbeit", Münster 1998
5. Die Rolle des PädagogenMännliche Pädagogen Auch Pädagoginnen arbeiten in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit Jungen. Ebenso wie Pädagogen, die mit Mädchen arbeiten, keine Mädchenarbeit machen können, sind für Jungenarbeit männliche Pädagogen erforderlich: Jungen brauchen "(an-)greifbare" Vorbilder, aber als Reibungsfläche, ggf. zur Abgrenzung. Das können nur Männer sein.
Jungenarbeit muss den Pädagogen Spaß machen - nicht immer, aber überwiegend: Jungenarbeit hat viel mit der Auseinandersetzung um Grenzen zu tun. Wem der Spaß an diesem Streiten fehlt, wer von den Umgangsformen der Jungen grundsätzlich genervt ist - bisweilen ja durchaus verständlich - wird es mit der Jungenarbeit schwer haben. Eine grundlegende Empathie mit den Jungen, ein Verständnis für die Ausdrucksformen ihrer Suche nach Männlichkeit ist notwendig.
Viele Kollegen entwickeln individuelle Konzepte der Jungenarbeit. Kollegialen Rat einzuholen, kollegiale Visitation, Reflexion der eigenen Jungenarbeit mit anderen Jungenarbeitern ist für die Standortbestimmung und Weiterentwicklung unerlässlich.
Jungenarbeit sind Männer, die qua Lebensalter den Weg vom Jungen zum Mann "irgendwie" hinter sich gebracht haben. Unerlässliche Bedingung qualifizierter Jungenarbeit ist die Selbstreflexion des Jungenarbeiters hinsichtlich eigener Mann-Werdung und die Auseinandersetzung mit dem eigenen Mann-Sein mit dem Verhältnis zum eigenen und zum anderen Geschlecht. Dies ist ein dauerhafter Prozess der Auseinandersetzung, der durch Fortbildung begleitet werden sollte.
6. Die (Handlungs-) PerspektivenGeschlechtsbewusste Pädagogik - mit Jungenarbeit als einem Bestandteil - ist fachlich erforderlich und stellt ein Qualitätsmerkmal guter Jugendarbeit dar. Bei der Diskussion über die Wirkungen sollte Jungenarbeit jedoch nicht mit unrealistischen Zielsetzungen überfrachtet werden - z. B. als neue "Geheimwaffe" in der Gewaltprävention. Jungenarbeit mit einem verständnisvollen Blick auf die "kleinen Helden in Not" ist notwendig, nicht um Abweichung zu verhüten, sondern um Jungen in ihrer Entwicklung zu fördern, um sie auf ihrer Suche nach Männlichkeit zu unterstützen und kritisch zu begleiten. Dennoch kann Jungenarbeit mit der notwendigen Auseinandersetzung der Pädagogen mit ihrer eigenen Geschlechtsrolle kaum "verordnet" werden. Es muss jedoch darauf hin gewirkt werden, dass die Pädagogen ein Interesse an Jungenarbeit und der damit verbundenen Haltung und Sichtweise entwickeln, dass Strukturen die Entwicklung von Jungenarbeit begünstigen. So sollte z. B. eine geschlechtsbewusste Haltung bei der Auswahl neuer Mitarbeiter in der Jugendarbeit ein zentrales Auswahlkriterium werden. Eine Einbindung der Jungenarbeit in die fachliche Diskussion im Fachdienst Jugend der Stadt Bielefeld und eine Einarbeitung in den Prozess der Jugendhilfeplanung halten wir für eine Notwendigkeit. Das "Forum Jungenarbeit" ist hierbei das anerkannte Fachgremium im Bereich der Jungenarbeit. Auch muss das Thema Jungenarbeit in einer breiteren Fachöffentlichkeit in Bielefeld diskutiert und bearbeitet werden. Hierzu haben wir in den Jahr 2002 und 2003 mehrere Fachtagungen zum Themenbereich "Jungenarbeit" erfolgreich durchgeführt und planen auch in Zukunft regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen anzubieten.
7. Beteiligte Einrichtungen:AWO-Jugendbildungswerk OWL, Detmolder Straße 280, 33605 Bielefeld
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